Montag, Juni 26, 2006

Unsere Liebe Frau zu Marienthal im Elsaß

Aus: Marianum, von G. Ott, Stadtpfarrer in Abensberg. Der nachfolgenden Text, der von 1862 stammt, wird hier - auch orthographisch - unverändert wiedergegeben:

Einer der nicht wenig berühmten Wallfahrtsorte im Elsaß, der französischen Provinz Niederrhein, ist Marienthal, etwa eine Stunde von der Stadt Hagenau entfernt.
Schon im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts war Marienthal das Ziel zahlreicher Pilgerzüge. Die alte Chronik des Ortes erzählt, daß schon in jenen fernen Zeiten der Besuch und der Zulauf der Gläubigen etwas Wunderbares gewesen sei. Die gütige Jungfrau Maria erwirkte dort allen Betrübten und Sündern, welche ihren Beistand anriefen, Trost und Barmherzigkeit; es gab keinen Schmerz, der nicht gelindert worden wäre, kein Unglück, dem nicht eine Hoffnung geleuchtet hätte. Krüppel und Lahme ließen sich dahin führen und kehrten geheilt zurück, ihre Krücken in der Gnadenkirche lassend. Blinde erlangten daselbst das Augenlicht, Taube das Gehör wieder. Mütter erwirkten die Gesundheit ihrer Kinder; junge Leute, die durch die Sünde ihre Ruhe verloren, fanden den Seelenfrieden wieder; die Matrosen in den Gefahren des Meeres, die Soldaten in der blutigen Schlacht riefen den Beistand der Lieben Frau von Marienthal an, und nie geschah es vergebens. Die Kirchenthüren blieben Tag und Nacht offen, damit die Pilger zu jeder Stunde Zutritt hätten. Dieß aber gab Gelegenheit zu mehrern Raubversuchen; allein Maria beschützte ihr Haus, und ließ keinen Kirchenraub zur Ausführung kommen. So geschah es unter Anderem, daß ein Dieb sich vor Anbruch des Tages allein in der Kirche befand, und einen prachtvollen Altarschmuck gewahrte; schon streckte er die Hand aus, um denselben zu rauben, als ihn eine übernatürliche Kraft festhielt, bis Leute vom Kloster, das bei der Gnadenkirche steht, herbeikamen, welche ihn dem Gerichte von Hagenau überlieferten. -
Als Martin Luthers Irrlehre auch in das Elsaß drang und in Folge derselben überall das, was den Katholiken heilig ist, verhöhnt, verfolgt und zu Grunde gerichtet wurde, da wurde auch die Wallfahrt nach Marienthal mit der Zerstörung bedroht. Bereits waren in vielen katholischen Kirchen die Altäre zertrümmert, und die Bildnisse der Heiligen in den Koth geworfen; das gleiche Schicksal sollte auch der Gnadenkirche in Marienthal zu Theil werden. Da beschlossen fromme Katholiken, die beiden wunderthätigen Gnadenbilder, Maria die schmerzhafte Mutter und Maria mit dem Jesuskind auf dem Arme, den gottesräuberischen Händen der neuen Bilderstürmer zu entreissen. Sie nahmen sie im Geheimen hinweg und brachten sie in das Haus des Klosterverwalters von Marienthal. Eine gleichzeitige Urkunde besagt, das Standbild der schmerzhaften Gottesmutter habe auf dem Wege vor den Augen der Anwesenden reichliche Thränen vergossen.
Nach Beendigung der Verfolgung wurden zwar die beiden heiligen Bilder in die Kirche wieder zurückgebracht, aber die Pilger wurden von den Protestanten vielfach verhöhnt, mißhandelt, als Götzendiener verlästert, so daß ihre Zahl immer abnahm. Im Jahre 1569 brach eine neue Verfolgung aus; feindliche Soldaten, der Ketzerei ergeben, durchstreiften das Elsaß und verwüsteten es auf eine schonungslose Weise. Marienthal war ihren Verheerungen im bedeutenden Maße ausgesetzt. Eine Frau, Namens Hochstätter, wollte die Entweihung der heiligen Bildnisse hindern, und entschloß sich, sie noch einmal nach Hagenau zu bringen. "In dieser Absicht", erzählt die Chronik, "begab sie sich in den Tempel der seligsten Jungfrau, bestieg den mitten im Chore errichteten Atar, nahm das Standbild der schmerzhaften Gottesmutter auf ihre Schultern und machte sich auf den Weg. Allein die fromme Bürgersfrau hatte mehr ihrem Eifer als ihren Kräften vertraut; das Bild der schmerzhaften Mutter-Gottes wurde ihr zu schwer, ihr Kniee wankten, sie sank auf dem Wege zu Boden. Einer augenblicklichen Eingebung folgend kniete sie nun neben dem Standbilde nieder und flehte mit demuthsvollem Vertrauen zu Maria: "O meine himmlische Mutter! bitte deinen göttlichen Sohn, auf daß er meine Kräfte mehre oder die Schwere dieser kostbaren Last verringere, damit ich sie in Sicherheit bringe." Nach diesem Gebete nahm sie das Bild wieder auf die Schulter und brachte es glücklich nach Hagenau." In gleicher Weise retteten einige Einwohner der Stadt das Bild Maria mit dem Jesuskinde.
Von dieser Zeit an blieb die Kirche in Marienthal geschlossen und verlassen. Bald war es auch nicht mehr möglich, neben den verödeten Mauern niederzuknieen, denn die Ketzer, die in den benachbarten Wäldern herumschweiften, mißhandelten alle Katholiken, deren sie habhaft werden konnten. In diesem Zustande blieben die Dinge bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wo die Jesuiten, welche in der Umgegend den alten Glauben unter dem Volke und die Frömmigkeit wieder wach gerufen hatten, das Kloster und die Kirche von Marienthal erhielten. Diese verschafften durch ihren frommen Eifer der Wallfahrt nicht nur den früheren Glanz, sondern rotteten auch in einem beträchtlichen Theile des Elsaßes die Ketzerei wieder aus.
Doch ein neuer Sturm brach durch die französische Revolution über Marienthal los; indeß brachten zwei eifrige Prieste und einige fromme Männer mit Gefahr ihres Lebens die wunderthätigen Bildnisse, die geweihten Gefässe und den Kirchenschmuck nach Ottersweier, einem Dorfe auf dem rechten Ufer des Rheins. Dort blieben sie bis zur Wiederherstellung der katholischen Gottesverehrung in Frankkreich. Unterdessen wurde Marienthal von den deutschen Truppen,welche in das Elsaß eingedrungen waren, besetzt. Die Soldaten benützten die Kirche als Kaserne und entweihten die hl. Orte durch ihre Ausgelassenheit. Endlich wurden im Jahre 1803 die heiligen Bilder wieder im Triumphe von Ottersweier nach Marienthal zurückgebracht, das bereits wieder würdig hergestellt war. Die Einwohnerschaft von Hagenau zog ihnen mit der Geistlichkeit an der Spitze, mit fliegenden Fahnen und mit Blumen und brenneden Kerzen in feierlicher Prozession entgegen. Die angesehensten Bürger der Stadt trugen von den Thoren bis zur Liebfrauenkirche die Bildnisse auf ihren Schultern. Der Bischof von Straßburg feierte das Pontifikalamt und stiftete zum Gedächtniß dieses Tages ein Fest, das noch alljährlich am ersten Sonntag im Juni begangen wird.
Seit dieser Zeit wird Marienthal wieder häufiger besucht als je; besonders an den Festtagen der Lieben Frau eilt die fromme Menge am zahlreichsten zur vergrößerten und verschönerten Gnadenkirche, deren Chorwände gänzlich mit Votivbildern bedeckt sind. Die meisten jungen elsässischen und lothringischen Soldaten begeben sich, ehe sie zum Dienste einrücken, nach Marienthal, um den Schutz der seligsten Jungfrau anzuflehen; und heute noch sieht man die Eltern derer, welche in den Schlachten und Gefechten oft auf wunderbare Weise dem Tode entgingen, vor dem Altare, um zu danken und Dankmessen lesen zu lassen. Ja sogar viele Protestanten, hingerissen von dem Beispiele der Gläubigen und dem Berichte der Wunder, welche an dieser Stätte gewirkt werden, schicken im Geheimen und in ihren Namen fromme Personen nach Marienthal, die für sie beten und ihre Gaben darbringen müssen. - Die Zahl der Pilger belief sich in den Jahren 1857 und 1858 auf mehr als dreihundertausend und allein in der Oktave der Himmelfahrt auf mehr als dreißigtausend. Erst in den jüngsten Tagen hat das Kapitel zu St. Peter in Rom durch einen feierlichen Erlaß die Krönung des wunderthätigen Bildnisses U.L. Frau in Marienthal genehmiget, und fand unter ungeheuerem Zulaufe des frommen Volkes auf die feierlichste Weise statt.
(Huguet.)

1 Kommentar:

Dominik Fettel hat gesagt…

Hallo,

wir interessieren uns für eine Fußwallfahrt nach Marienthal, vielleicht können Sie uns ein paar Tipps geben?

Zum Hintergrund: Die „Katholische Männerwallfahrt Odenwald“ hat eine nunmehr fast 30jährige Tradition. Angefangen mit 10 Wallfahrer, treffen sich mittlerweile über 70 Wallfahrer jährlich am ersten Wochenende im September um zu heiligen Stätten in ganz Deutschland zu pilgern.

Dieses Jahr wollen wir eine Wallfahrt ins Elsass machen.

Leider können wir uns nicht so gut in Französisch verständigen und dann sind wir auf Ihren Blog gestossen. Super, wenn Sie uns ein paar Tipps geben könnten.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr
Dominik Fettel